„Mama bittet Sie, mit dem Abholzen des Gartens zu warten, bis sie weg ist.“

 

Ljubow Ranewskaja will nicht sehen und hören, was sie längst weiss – dass die in voller Blüte stehenden Kirschbäume abgeholzt werden müssen, um auf dem Grundstück gewinnbringend Sommerhäuser zu bauen. Dass die sorglose Zeit der Tanzparties und Spaziergänge vorbei ist. Und dass die Zukunft ihrer Töchter nicht mehr durch geschickte Heiratsplanung gesichert werden kann.

 

Tschechows „Kirschgarten“ ist ein Stück über die Verdrängung in Zeiten des Wertewandels. Das Althergebrachte wird mit traumhafter Vehemenz verteidigt. Doch der beständige und beschleunigte Wandel der Welt ist nicht aufzuhalten. Im Nu ist das Neue schon wieder veraltet und hinfällig. Und so handelt die melancholische Komödie von der Zeit an sich, vom immerwährenden Kreislauf um Erinnerung und Zukunft, die bald schon wieder nur Erinnerung sein wird.

 

Anton Tschechow, Arzt und Schriftsteller, schrieb lange Zeit am „Kirschgarten“. Geschwächt durch seine fortschreitende Lungenkrankheit, versuchte er vergeblich, sich in seinem Landhaus auf der Krim zu erholen. „Unbedingt komisch, sehr komisch“ solle sein neues Stück werden, schrieb Anton Tschechow 1902 an seine Frau, die Schauspielerin Olga Knipper-Tschechowa. Man werde „viel und laut lachen, und natürlich wird niemand wissen worüber“.

 


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